sonja stummerer & martin hablesreiter
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Essen bereitet Lust. Wir erwarten, dass es nicht nur unseren Bauch füllt, sondern auch unsere Sinne betört. Nicht umsonst wird das Wort «Genuss» seit Ende des Mittelalters zunehmend auch mit Essen und Trinken in Zusammenhang gebracht. Laut Wikipedia bezeichnet «Genuss » eine positive Sinnesempfindung, die mit körperlichem und/oder geistigem Wohlbefinden verbunden ist, und das «Deutsche Wörterbuch» der Gebrüder Grimm zitiert unter dem Stichwort «Genieszen» Immanuel Kant mit folgender Definition: «genieszen ist das wort, womit man das innige des vergnügens bezeichnet». Der deutsche Philosoph soll auch den Begriff «Geschmack» in die Welt des Essens gebracht haben. Ursprünglich wurde dieses Wort eher zur Bewertung von Kunst und nicht der Leibeslust verwendet. Betrachtet man den «guten Geschmack », dann sind Kunst und Essen ohnehin nicht voneinander zu trennen. Dass gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Erfolg in Europa nach Stil verlangt, hat der Soziologe Pierre Bourdieu schon 1979 in seinem Werk «Die feinen Unterschiede» umfassend bewiesen. «Guter Geschmack» ist ein wesentliches Ausdrucksmittel der Eliten. Sollten Sie sich zur gesellschaftlichen Oberschicht zählen wollen, werden Sie Diego Rodríguez de Silva y Velázquez oder Richard Wagner genauso kennen und schätzen wie Joël Robuchon oder Philippine de Rothschild-Sereys. Sie werden sich dem «guten Geschmack» Ihrer Vorgesetzten oder Ihrer Ratgebermagazine anpassen und damit Stil beweisen.

Kunst und Essen werden auch gernein Unternehmen zusammengefasst, die mit «gutem Geschmack» gutes Geldverdienen. Der französische Milliardär Bernard Jean Étienne Arnault besitzt Firmen wie Moët & Chandon oder Cheval Blanc und gilt gleichzeitig als einer der wichtigsten Kunstsammler der Welt. Seinem Konkurrenten François Pinault wiederum gehören Château Latour sowie eine bedeutende Sammlung zeitgenössischer Kunst, die unter anderem im hauseigenen Museum in Venedigs Palazzo Grassi ausgestellt ist. Die beiden Herren gehören zu den «Grossmeistern» des europäischen «guten Geschmacks ». Ihnen wird vermutlich hinreichend nachgeeifert. Das ist nichts Neues. Seit eh und je definieren und dominieren ein paar wenige «Superreiche» den Geschmacksmarkt. Andererseits könnte man im Rahmen der jahrzehntelangen friedlichen Entwicklung in Europa auch über demokratischere oder sinnvollere Geschmacksinspirationen nachdenken. Ethischer Geschmack vielleicht statt Luxusmarkt?

foto: Studio Köb // www.koeb.at