sonja stummerer & martin hablesreiter
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Körper

Der spanische Philosoph Michael Marder fragt in seinem eben erschienem Werk „The Philosopher`s Plant: An Intellectual Herbarium“, ob ein ethischer Verzehr von Pflanzen möglich ist. Während des, vom Journalisten Klaus Buttenhauser, gegründete „Kochcampus“ gehen Österreichs Köche der Frage nach, wie Nachhaltigkeit und Biodiversität in die Gastronomie und in die Gesellschaft reintegriert werden können. In schickeren Bezirken westlicher Großstädte sprießen Biomärkte und nachhaltige Restaurants aus dem Boden. Bio wird als Kisterl an jeden interessierten Haushalt geliefert und sogar der Rausch mutiert mit Hilfe von Biowein oder Biobier zu einer ethischen Angelegenheit. Der alte Spruch: „Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral!“ scheint massiv an Bedeutung zu verlieren.

Fraglich ist nur, ob Essen überhaupt ethisch sein kann. Essen ist Massenmord. Egal ob Pflanze oder Tier, Lebewesen verspeisen Lebewesen um eben zu überleben. Essen ist keine besonders moralische Handlung. Damit müssen wir leben.

Wir bestehen aus unserem Essen. Jedes Molekül, dass Menschen verspeisen ist etwa 7 Jahre lang ein Bestandteil des Körpers. Mit dem Essen, mit der Auswahlt unserer Kalorien und Esswaren gestalten wir unseren Körper. Essen ist kein Treibstoff, der energiespendend oben rein und unten raus geht. Jede verwertbare Zelle Ihrer Bratwurst wird für Jahre ein Teil von Ihnen sein. Wir  sind unser Essen. Essen ist eine Metamorphose von getöteten Pflanzen und Tieren in körpereigene Bestandteile. Für uns Menschen ist das ein psychisches Dilemma, denn rein physisch bestehen wir nur aus diesem Fremdmaterial, während wir geistig dennoch unsere eigenen Identität und Subjektivität aufrechterhalten müssen. Die kulturelle Antwort auf diese Divergenz sind Rituale, welche mit Schlachten, Opfern und Essen in praktisch allen Kulturen einhergehen.

Nicht zuletzt deswegen gibt es nichts Symbolischeres, Heiligeres, Kulturelleres als das Essen. Das Fressen ist die Moral. Letztlich treffen sich Natur und Kultur im Magen des Menschen. Und damit ist jedes Stück Brot, jede Schnitte Wurst, selbst der Tropfen Wein ein Bindeglied zwischen Leben und Tod. Wer nicht tötet stirbt.