sonja stummerer & martin hablesreiter
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Interview Henning Steinfeld // UNO // für die Wiener Zeitung

Herr Steinfeld, was sind die Aufgaben eines UN-Nahrungsmittelbeauftragten?

 

Ich bin für die politische und ökonomische Analyse der weltweiten Tierproduktion zuständig. Mein Arbeitsfeld spannt sich von archaischen Formen der Tierzucht wie dem Nomadismus bis hin zur Hightech-Produktion in Großbetrieben.

 

Welche Bedeutung hat ihre Arbeit für die UNO, für die Politik, für jeden von uns?

 

Ich glaube, dass meine Arbeit von immenser gesellschaftlicher Bedeutung ist, weil die derzeitigen Produktionsweisen nicht nachhaltig und daher auch nicht zukunftsfähig sind. Mein Ziel ist, die Politik in Hinblick auf Tierproduktion und Fleischkonsum radikal zu verändern.

 

Essen  wir grundsätzlich zu viel Fleisch?

 

Ein Teil der Bevölkerung isst zu viel Fleisch. Das schafft Probleme - sowohl für die eigene Gesundheit, als auch für die Umwelt und den Tierschutz.  Gleichzeitig leiden knapp eine Milliarde Menschen an Hunder und Unterernaehrung.

 

Wenn wir die Umwelt und die Tiere schützen wollen, müssen wir uns dann von unseren jetzigen Ernährungsgewohnheiten verabschieden und zukünftig auf Fleisch verzichten?

 

So einfach ist es nicht. Historische Beispiele zeigen, dass Tierhaltung nicht nur zur Sicherung der Lebensgrundlage betrieben wird, sondern auch als Instrument der Landnahme. Ackerbau ist sehr mühsam und langsam. Sie müssen das Land roden, Bäume fällen, die Stumpen aus dem Boden ziehen, Zäune, Ent- oder Bewässerungskanäle bauen und so weiter. Mit Tierhaltung lässt sich ein Territorium wesentlich schneller und einfacher besiedeln. Das Rind war ein wesentliches Instrument der Kolonisation – zum Beispiel bei der Besiedelung des amerikanischen Westens. Ohne ihre Viehherden hätten die weißen Amerikaner ihren Machtbereich nicht so schnell ausdehnen können. Ähnlich verfahren die Brasilianer. Man geht in den Urwald, brennt ein Stück Land nieder und setzt sich mit seiner Tierherde sofort darauf fest. Danach werden Straßen gebaut, Ortschaften gebildet und das Land weiterverkauft. Dann geht man 100 oder 200 km weiter in den Busch hinein und treibt das Spiel von vorne.

 

Das heißt, das Tier ist ein Machtinstrument?

 

Und ein Machtsymbol. Bis heute ist das Tier in allen Gesellschaften kulturell behaftet. Sie haben keine Affinität zu Tomaten oder Äpfeln, aber zum Rind, zur Ziege oder zum Pferd gibt es überall eine starke Beziehung. Das Tier gehört zur kulturellen Identität.

 

Selbst in hoch entwickelten Gesellschaften?

 

Natürlich! Schauen Sie mal, was bei uns in jedem x-beliebigen Gasthof auf der Speisekarte steht. Ein Gericht, das kein Fleisch beinhaltet, wird ja gar nicht als Gericht akzeptiert!

 

Warum?

 

Fleisch liefert Nährstoffe in einer Konzentration wie kein anderes Lebensmittel. Der Jäger hat daher auch in sesshaften Kulturen immer Ansehen und Profit genossen. Derjenige, der das Fleisch verteilte war der Chef. Diese Dinge schwingen heute noch mit, wenn wir Fleisch essen. Gleichzeitig lässt sich die menschliche Evolution ohne Fleisch gar nicht erklären. Bevor der Mensch sesshaft wurde, hat er zwei Drittel seines Kalorienbedarfs mit Fleisch gedeckt. Das ist mehr, als Industrienationen heute verzehren. So gesehen war die Landwirtschaft eine Fehlentwicklung.

 

Sie meinen, die Sesshaftigkeit war ein Rückschritt?

 

Ernährungstechnisch ja. Der Ackerbau führte zu einseitiger Ernährung und zu Mangel. Erst mit der Massenproduktion von Nahrung im Zuge der Industriellen Revolution wurde das Speiseangebot wieder vielfältiger. Auf der anderen Seite ermöglichte die Landwirtschaft die europäische Bevölkerungsexplosion. Jäger und Sammler hatten sich nur langsam vermehrt, denn aus Fleisch ließ sich kein Babybrei herstellen. Die Kinder konnten nicht vor dem dritten Lebensjahr abgestillt werden, in Folge waren die Frauen nur alle drei Jahre empfängnisbereit. Der Getreideanbau brachte Kinderbrei, früheres Abstillen und damit mehr Geburten.

 

Sie haben einmal gesagt, dass in England mehr Personen mit der Herstellung von Sandwiches beschäftigt sind, als in der landwirtschaftlichen Produktion. Stimmt das?

 

In entwickelten Ländern sind nur etwa 2% der Bevölkerung in der Primärproduktion von Nahrungsmitteln tätig. Der Anteil der Lebensmittel verarbeitenden Industrie an der Gesamtwirtschaft beträgt hingegen 10- 15%. Die Weiterverarbeitung ist also 5- bis 7-mal so aufwendig wie die Herstellung. In Entwicklungsländern sieht dieses Verhältnis natürlich ganz anders aus.

 

Wird die Erzeugung von Grundprodukten immer mehr in Regionen der Dritten Welt  ausgelagert?

 

Nein, die Landwirtschaft in Zentraleuropa ist kein sterbender Zweig. Natürlich wird mehr importiert als noch vor 10 oder 20 Jahren, aber das ist marginal. Wir haben nach wie vor unsere europäischen Bauern. Ihre Anzahl halbiert sich zwar alle 15 bis 20 Jahre, aber die Menge dessen, was sie produzieren, bleibt stabil.

 

Wer isst dann das Rindfleisch von den riesigen Farmen in Brasilien oder Argentinien?

 

Das ist vor allem für den asiatischen Raum bestimmt. Natürlich gelangt argentinisches oder brasilianisches Rindfleisch auch in die EU, aber eigentlich nur im Hochpreissegment. Fleischimporte aus Südamerika machen vielleicht 10% des EU – Bedarfs aus. Man kann also nicht sagen, dass sie die europäische Produktion verdrängen.

 

Gerüchte, wonach Fastfoodketten für die Vernichtung des Regenwaldes mitverantwortlich sind, stimmen also nicht?

 

Das Fleisch für diese Hamburger stammt üblicherweise nicht aus dem Amazonasgebiet. Allerdings importiert Europa große Mengen an Futtermitteln wie Mais oder Sojabohnen. Und die stammen sehr wohl auch von Regenwaldplantagen. Die umfangreichen Sojaimporte sind übrigens eine Folge der BSE-Krise. Das plötzliche Verbot, proteinreiches Tiermehl zu verfüttern, hat der Sojaproduktion in Lateinamerika und damit der Zerstörung von Regenwald einen entscheidenden Vorschub geleistet.

 

Man hört immer wieder, dass gar nicht die Rodung der Wälder sondern die Verdauungsgase der Rinder das eigentliche Umweltproblem sind?

 

Ja, auch. Bei der Tierzucht entstehen drei Klimagase: Kohlendioxyd, Methan und Stickoxyde. Der Großteil des Kohlendioxyds entsteht durch die Abholzung für Weiden und Ackerflächen. Dazu kommt der Einsatz von fossilen Brennstoffen für landwirtschaftliche Maschinen und die Herstellung von Stickstoffdünger. Methan, ein Gas das 23 Mal so aggressiv ist wie Kohlendioxyd, wird bei einer ätherische Fermentation im Pansen, dem ersten Abschnitt des Rindermagens, freigesetzt und in die Atmosphäre gerülpst. Auch aus Gülleteichen tritt Methan aus. Stickoxyde sind 296 Mal so aggressiv wie Kohlendioxyd. Sie entstehen unter anderem durch die Düngemittelapplikationen bei Futterpflanzen. Zur Schädigung der Umwelt tragen alle drei Gase etwa in gleichem Maß bei. Maßnahmen, die nur Kohlendioxyd reduzieren, gehen also an der Komplexität des Problems vorbei.

 

Die Tierproduktion ist erwiesenermaßen ein Klimasünder. Ist die Herstellung von künstlichem Fleisch mittels Enzym- oder Gentechnologie eine Alternative?

 

Wenn es gelingt, dadurch die Probleme von Umwelt- und Tierschutz zu lösen, bin ich dafür. Nur, die Technik ist noch nicht so weit. Bislang kann man eine hauchdünne Schicht eines fleischähnlichen Materials ohne jede Textur herstellen. Der Genussfaktor des Reinbeißens fällt völlig weg, man kann dieses Ersatzfleisch bestenfalls mit Marmelade vergleichen. Die Produktion benötigt außerdem riesige, überdachte Operationsanlagen und ist 2- 3 Mal so teuer wie die teuerste Fleischproduktion.

 

Welche anderen Möglichkeiten bleiben uns, um den Klimawandel zu stoppen?

 

Schon der Einsatz der besten, derzeit bekannten Technologien würde massive Emissionseinsparungen bringen. Weiters muss man Umweltschutz an die Preispolitik knüpfen und so den Verbrauch reduzieren. In den USA werden unglaubliche 130 kg Fleisch pro Jahr und Person verzehrt! Wichtig ist, dass die Politik endlich auf die Klimaprobleme reagiert.

 

Und was tut?

 

Die Subventionen reduzieren zum Beispiel. Die Tierproduktion ist einfach zu billig. Entwickelte Nationen geben über 350 Milliarden Dollar für Agrarsubventionen aus. In der EU fließt nach wie vor die Hälfte des gesamten Budgets in die Landwirtschaft. Das ganze Geld wirkt sich natürlich negativ auf die Effizienz der Produktion und damit auch auf die Umwelt aus.

 

Unternimmt die UNO etwas in diese Richtung?

 

Natürlich. Wir analysieren, entwickeln Normen und Richtlinien und stellen Daten, Statistiken und Informationen bereit. Die UNO hilft bei der Ausarbeitung politischer Strategien und in den einzelnen Länderbüros werden ganz gezielte Maßnahmenpakete entwickelt.

 

Das klingt nicht gerade offensiv. Ist die UNO in dieser Sache realpolitisch machtlos?

 

Es gibt Leute, die nennen die Vereinten Nationen das „Empire of good intentions“. In Wahrheit  haben die UN-Organisationen genau soviel Macht, wie sie von ihren Mitgliedsländern bekommen. Die einzelnen Staaten bestimmen, was wir machen sollen und was wir machen dürfen. Damit ist jegliche Kritik an unserem Einflussbereich absurd. Dass die UNO keine Supermacht sondern eine Soft-Macht ist, wird von den Mitgliedsländern bewusst so gesteuert.

 

Scheitert die Soft-Macht UNO in Klimafragen an der Supermacht USA? Arbeiten die Vereinigten Staaten gegen die Vereinten Nationen?

 

Die USA verfolgen international ihre Interessen, wie jedes andere Land der Welt auch. Kleine Länder wie Österreich benötigen multilaterale Strukturen, um ihre Anliegen vorzubringen. Große Staaten wie die USA, Brasilien oder China verfügen über genug Einfluss und nationales Selbstbewusstsein, um gegen andere aufzutreten. Aus eigenen Erfahrungen weiß ich aber, dass die USA sehr wohl mit der UNO zusammenarbeiten. Dazu gehören Projekte gegen die Geflügelpest oder das Engagement der USA für internationale Hygienerichtlinien am Nahrungsmittelmarkt.

 

Warum sind die Weltmarkpreise für Lebensmittel im letzten Jahr so enorm gestiegen?

 

In den letzten 20 Jahren hat niemand in die Landwirtschaft investiert. Die Politik hat sich weltweit aus Forschung und Entwicklung in der Landwirtschaft zurück gezogen. Zudem sind die Preise für landwirtschaftliche Produkte seit den Fünfzigerjahren kontinuierlich gefallen und waren Jahre lang sehr niedrig. Durch den hohen Ölpreis, das Bevölkerungswachstum und den steigenden Fleischbedarf musste sich diese Preisspirale irgendwann ins Gegenteil verkehren.

 

Hat der Biosprit die Preise in die Höhe getrieben?

 

Viele Faktoren, wie Biosprit, Dürren, Ölpreissteigerungen und die Flächenstillhalteprogramme in Europa kamen zusammen. Gleichzeitig explodierte die Nachfrage und das Resultat war eine Preissteigerung. In den nächsten 2- 3 Jahren werden entsprechende Investitionen den Markt wieder abkühlen. Die niedrigen Preisniveaus, die wir vor der Krise hatten, werden allerdings nicht wieder kommen.

 

Wie sehen Sie das Problem der Nahrungsmittelspekulation?

 

Nahrungsmittelspekulation ist ein neues Phänomen. Der landwirtschaftliche Bereich ist sehr träge. Investitionen brauchen 3, 4 oder 5 Jahre bis sie sich rechnen, daher waren Spekulationen bisher kaum spürbar. In den letzten zwei Jahren wurde die Landwirtschaft aber mit dem Energiemarkt gekoppelt. Heute können Überschusse vieler Lebensmittel als Biosprit verkauft werden. Damit ist die natürliche Preisregulation durch Angebot und Nachfrage unterbrochen, selbst bei Überproduktion sinken die Preise nicht.

 

Wie ist es in einer Welt, die technisch so fortschrittlich ist, überhaupt möglich, dass Menschen Hunger leiden?

 

Es gibt keine technische Notwendigkeit für Hunger. Die Welt produziert ausreichend Nahrungsmittel und wir sind in der Lage noch mehr davon herzustellen. Der Hunger rührt daher, dass viele Menschen keine Beschäftigung finden und kein Geld für Lebensmittel haben. Das betrifft hauptsächlich Afrika und Südasien.

 

In Afrika und Südasien leben Agrargesellschaften. Wie kann es sein, dass Bauern hungern?

 

Weil die Flächen, die sie bebauen, viel zu klein sind. Und das starke Bevölkerungswachstum führt ständig zur weiteren Verkleinerung der landwirtschaftlichen Nutzflächen. Zudem sind die Böden teilweise sehr unfruchtbar und die Bauern haben oft keinen Zugang zu Saatgut, Dünger und verlässlichen Märkten.

 

Seit Jahrzehnten verspricht die Wissenschaft Wundermittel gegen den Hunger. Wieso funktioniert das immer noch nicht?

 

Wissenschaftlich betrachtet, gäbe es Methoden, um Hunger und Umweltprobleme von heute auf morgen zu beseitigen. Es ist alles nur eine Frage des politischen Willens! Wir müssen begreifen, dass das Schicksal der Welt in unser aller Hände liegt. Es bedarf internationaler Solidarität und eines Interessensgleichklangs. Die Globalisierung sehe ich da als Chance. Denn sie bindet auch Überflussgesellschaften vermehrt in die negativen Konsequenzen von Hunger ein. Das betrifft zum Beispiel Migration, Umweltzerstörung, Krankheiten und das Brachliegen von menschlichem Potential. Es gibt keine Insel der Seligen, die Österreich heißt.

 

Bekennen sich Inseln der Seligen wie Österreich nicht zur Solidarität?

 

Das habe ich nicht gesagt. Aber wir befinden uns hier in einem der schönsten und reichsten Länder der Welt und da ist man natürlich versucht, die Probleme der Welt beiseite zu schieben.

 

Es wird immer wieder kolportiert, dass gewisse multinationale Konzerne den Hunger in der Welt zu verantworten haben. Was halten sie von solchen Anschuldigungen?

 

Internationale Unternehmen tun auch nichts anderes als jeder einzelne von uns: Sie handeln nach eigenen Interessen und wehren Tendenzen, die sie als Bedrohung empfinden, ab. Natürlich suchen Firmen nach Standorten, an denen sie möglichst billig produzieren können. Ich glaube aber nicht, dass das verwerflich ist. Gleichzeitig bringen diese Firmen Umweltschutz- oder  arbeitsrechtliche Standards in unterentwickelte Gebiete. Es gibt natürlich auch Fehltritte und Missstände im großen Stil, aber die pauschale Verdammung von internationalen Konzernen lehne ich ab. Man macht es sich zu einfach, wenn man die Verantwortung für die Probleme unserer Zeit auf irgendwelche großen Firmen abschiebt.

 

Was kann der Einzelne zur gerechteren Verteilung von Nahrung beitragen?

 

Wenn man nachhaltig produzieren will, muss man akzeptieren, dass die Preise steigen. Das hat einfach damit zu tun, dass wir zur Zeit 6,7 Milliarden Menschen sind und dass wir in den nächsten 30 Jahren auf über 9 Milliarden anwachsen werden. Alle Sektoren müssen lernen, weniger Ressourcen einzusetzen und deren Einsatz schonender zu gestalten. Das bedeutet Preissteigerungen.  Wenn Sie heute eine Gesellschaft wie Österreich betrachten, die durchschnittlich 12- 15 Prozent des Einkommens für Nahrungsmittel ausgibt, dann müssen Sie davon ausgehen, dass dieser Prozentsatz steigen wird.

 

Aber wer soll das bezahlen?

 

Die Konsumenten!

 

Also auch jene, die sich schon jetzt kaum Lebensmittel leisten können?

 

Die Armen werden sich an leistbare Produkte halten. Kaffee oder Fleisch hat eine hohe Umweltbelastung und wird daher im Vergleich wesentlich teurer sein als Yam oder Kochbananen.

 

Das heißt, wir werden uns im Bezug auf Essen zu einer Zweiklassengesellschaft entwickeln?

 

Ich pflege zu sagen, dass Rindfleisch in 30 bis 40 Jahren ein Luxusprodukt sein wird, ähnlich wie Räucherlachs vor 20 Jahren, also ein Produkt für Weihnachten oder Neujahr. Man muss sich die Ökobilanz der einzelnen Nahrungsmittel genau ansehen und dementsprechend entweder Veränderungen in der Produktion vornehmen oder die Preise so gestalten, dass sie die Umweltauswirkungen widerspiegeln. Und das bedeutet große Preisunterschiede zwischen den Produkten.