sonja stummerer & martin hablesreiter
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food waste

Essen | Müll | Kultur

Nahrung ist Müll. Jeden Tag vernichten die sogenannten westlichen Kulturen tausende Tonnen Essen. Jeden Tag! Wir (!) werfen es weg. Wir (!) lassen gute Nahrungsmittel auf Mülldeponien verrotten. Wir (!) verbrennen täglich unser täglich Brot.

Dass mehr als ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittelproduktion auf dem Müll landet, bewerten die industrialisierten Zivilisationen als „traurige Realität“. Heisst das, wir (!) akzeptieren diese „reale“ Wegwerfkultur „traurigen“ Auges? Oder doch nicht?

BetrachterInnen wenden sich beim Anblick von Gemüsebergen auf Mülldeponien  angeekelt ab. „Frevel!“ rufen sie beim Öffnen von Mülltonnen hinter Restaurants oder Kantinen. Das Wort Sünde fällt vor einer Wagenladung brennenden Brotes. Essen zu Abfall abzuwerten widerspricht scheinbar doch den gängigen Moralvorstellungen. Doch was heisst Moral beim Essen überhaupt? Kommt nicht zuerst das Fressen und dann die Moral?

Selbst im säkularisierten Europa sind moralisch motivierten Argumente gegen die alltägliche Metamorphose des Essens zum Müll nicht selten religiös motiviert. Nahrung wird bis heute als Gabe Gottes interpretiert. Nicht zuletzt der Satz „Unser täglich Brot gib uns heute“, aus dem Gebet „Vater Unser“ offenbart die Heiligkeit alltäglicher Nahrung. Jede Weltreligion opfert Essen an Gottheiten und erhofft sich davon eine Vervielfältigung in Form von vielen, vielen essbaren Gottesgeschenken. Die Fruchtbarkeit ist heilig, ein Glaube, den auch Ungläubige anhängen.

Als Gottersatz kommt bekanntlich dessen kulturhistorische Vorgängerin „Mutter Natur“ zum Einsatz. Selbst atheistische Anhänger der Grünbewegung beziehen sich oft und gerne auf die Gaben der mystischen Urmutter. Gaia oder eben nur „die Natur“ sind Heiligkeiten, die es zu beschützen gilt. SIE beschenkt die Menschen mit Luft, Wasser und Nahrung. Die bewusste Zerstörung aller essbaren Geschenke Gaias oder Gottes gilt als Sünde.

Weltlicher ist das oft zitierte Menschenrecht auf Nahrung. Es ist das universelle Recht auf Leben, das bei der Deponierung oder Verbrennung von Essen missachtet wird. Essen ist also immer irgendwie heilig. Jede Kultur erklärt Essen zum Kult. Das trifft auf gläubige, omnivore Katholiken ebenso zu, wie auf atheistische Veganer. Essen zu vernichten, heißt das Heilige zu vernichten. Essen wegzuwerfen, es zu Abfall zu machen ist in jeder Kultur und jeder Denkart eine vorsätzliche Handlung entgegen der Moral.

Warum also handelt die westlich zivilisierte Gesellschaft entgegen aller moralischen Vorstellungen? Warum geben wir (!) Lebensmittel der Vernichtung Preis? Warum werfen SIE ein Stück Brot weg, sobald dessen Ablaufdatum überschritten ist? Warum handeln Sie derartig unmoralisch? Ist diese Vernichtung des Heiligen tatsächlich eine Folge von Überproduktion und übertriebenem Gewinnstreben einiger weniger Konzerne?

Gewiss ist das Anbieten billiger, aber unessbar großer Mengen (supersize) von Nahrungsmitteln in Supermärkten oder Fast Food Restaurants eine absurde Methode um Essen in Abfall zu verwandeln. Die KonsumentIn wird bewusst getäuscht und der Wert der Nahrung auf einen symbolischen Tiefpunkt herab gesetzt. Hier sind Politik und Gesellschaft gefordert, um dem Einhalt zu gebieten. Auch das völlig perverse Aufdrucken von Ablaufdaten auf einen Großteil der Supermarktprodukte resultiert im Wegwerfen verzehrtauglicher Esswaren. Die Angst vor vergifteten, verrotteten oder sonstwie ungenießbaren Lebensmitteln führt dazu, dass immer mehr Essen in Krematorien wandert. Ein paar Ziffern mit Punkten dazwischen machen aus mündigen KonsumentInnen paranoiden WegwerferInnen.

Man kann auch darüber diskutieren, warum Brot, dessen Bestandteile gegenwärtig viel zu oft aus Backmischungen internationaler Großkonzerne stammen, nach wenigen Tagen zu schimmeln beginnt. Vor weniger als zwei Jahrzehnten lag ein simples Roggenbrot zwei Wochen in einer Holzdose, wurde etwas härter, blieb aber ein sehr genießbares, sehr gutes Alltagsgut. Die KonsumentIn wird getäuscht, wenn derartige Produkte sofort von selbst zu Abfall werden.

Doch all diese Forderungen, die wir an dieser Stelle so frech platzieren verblassen in Anbetracht jener menschlichen Kulturleistung, die das Wegschmeissen von Nahrungsmitteln permanent umspielt: Der Moral.

Moral ist vermutlich eine Grundvoraussetzung für die Bildung von Gemeinschaften. Eine Gruppe von Menschen einigt sich auf Wertevorstellungen, die sie mehr oder weniger streng exekutiert. Mit dem Wert Moral erschafft Kultur verschiedene Ordnungssysteme. Und ein solches, kulturelles Regelwerk betrifft die Ernährung. Eine Gemeinschaft, eine Kultur legt damit unter anderem fest, welche Pflanzen und Tiere essbar sind und welche nicht. Die Moral sagt den Mitgliedern einer Gesellschaft, was sie essen dürfen und was nicht.

In vielen Fällen hat dieses Ordnungssystem nur mäßig mit giftig oder ungiftig, verträglich oder unverträglich zu tun. Unzählige, eigentlich essbare Produkte der Natur sind wegen eines moralischen Regelwerks als unessbar einzustufen. Sie sind tabu. Also sind sie Müll. Paradoxerweise verurteilt die Moral das Wegwerfen von Essen und erschafft gleichzeitig die Verurteilung feinster Esswaren zu Abfall.

Jede Religion, jede Gesellschaft, jeder Lifestyle kreiert Regeln, die alles verzehrtaugliche, biologische Gut dieses Planeten entweder als Gottes Geschenk oder als Ekelhaftes oder als Verbotenes einordnen. Bekanntlich essen Hindus keine Rinder. MuslimInnen rühren keine Schweine an. Mitglieder beider Weltreligionen ekeln sich vor dem verbotenen Fleisch dieser Tiere. JüdInnen lassen nicht wiederkäuende Tiere mit gespaltenen Hufen am Leben. In Japan war jahrhundertelang der Verzehr von Milchprodukten untersagt. ChristInnen wiederum war einst das Verspeisen von Pferden verboten.  Auch Würste standen immer wieder auf dem katholischen Index. Sie waren zu phallisch, also ekelhaft.

Heute regeln Gesetze der Europäischen Union die Frage, was wir (!) EuropäerInnen essen dürfen und was nicht. Das demokratisch gewählte Parlament, beziehungsweise eine Handvoll nach Parma entsandter Beamte, übernehmen die einstige Rolle der Religionsvertreter. Sie definieren Tabus. Der Verzehr von Kameel- oder Hundefleisch ist zum Beispiel in allen Ländern der EU verboten. Auch viele Pflanzen dürfen Deutsche, Slovenen oder Spanier weder importieren, noch kochen noch essen. Die ewige Debatte um die Zulassung von Stevia, einem Zuckerersatzprodukt ist nur ein Beispiel. Die sehr fragwürdige novel food Verordnung der Union (Verordnung Nr 258/97) ist ein anderes.

Priester, Gesetzgeber, Gesellschaften unterteilen die „Geschenke der Mutter Natur“ in Gottes Gaben und eben Müll. Das Fleisch eines toten Hundes muss per Gesetz vernichtet werden. Insekten dürfen wir zwar mit der Fliegenklatsche oder mit Gift töten aber nicht essen. Eine tote Heuschrecke, anderswo eine Delikatesse landet in Europa auf dem Müll. Die Moral selbst ist bereits am Schaffen von essbarem Abfall beteiligt.

Ein Aspekt der Moral ist der Lifestyle oder die Mode. Dabei handelt es sich um Verordnungen zu Geschmack und Ekel, die an eine bestimmte Zeit gebunden sind. Der Lebensstil einer Epoche, einer Region, einer bestimmten kulturellen Untergruppe legt fortlaufend die Grenzen zwischen Essen und Abfall fest. Wie die Auswahl von Musik, Kleidung, Kunst ist auch jene der Lebensmittel und Rezepturen Moden, sozialem Status, gesellschaftlicher Zugehörigkeit, Denkrichtungen, etc. unterworfen.

Diese Geisteshaltungen und gesellschaftlichen Strömungen können sich in strengen Regelwerken manifestieren, wie zum Beispiel jene der vegetarischen, veganen oder freeganen Bewegung. Diese Gruppierungen legen selbst Gesetze zur Verzehrtauglichkeit von Nahrungsmitteln fest. Wer sich nicht an die Ordnungssysteme hält, wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Dabei handelt es sich meist um relativ kleine Gruppen, die mit ihren eigenen Tabus gegen gängige Wertevorstellungen rebellieren, auch wenn sie durchaus in der Lage sind, auf lange Sicht das Ernährungsverhalten ganzer Kulturen zu beeinflussen. Ein Beispiel ist die Bewegung um Alice Waters, die während der 68er Revolution den „peoples park“ im kalifornischen Berkeley besetzte. Diese kleine Gruppe pflanzte in einem Park ihre eigene, vegetarische Nahrung an. Die TeilnehmerInnen gelten als Mütter und Väter der gegenwärtig relativ erfolgreichen Biobewegung. 

Ekelvorstellung aus der Mitte der Gesellschaft können ebenfalls die Bewertung von Nahrungsmitteln beeinflussen. Zum Beispiel wurden alle Arten von Rüben oder Linsen, wichtige Proteinlieferanten der späten 40er Jahre, mit einem Ekelbann belegt. Angeblich fühlt sich die sogenannte Nachkriegsgeneration beim Verzehr dieser Pflanzen so sehr an die kargen Zeiten während und nach dem zweiten Weltkrieg erinnert, dass sie mit Ekel in Verbindung gebracht werden. Rüben verkommen zu Viehfutter. Frische oder getrocknete Hülsenfrüchte sind nur noch auf Wochen- nicht aber in Supermärkten zu finden.

Als Gegentrend wurde während der Nachkriegsjahre das Fleisch mit Bedeutungsschwere belegt. Fleisch, beziehungsweise einige, wenige Stücke davon, mutierte zum wertvollsten aller Lebensmittel, während Gemüse zur fast ekelhaften Beilage verkam. Am Beginn des 21. Jahrhunderts ist die westlich zivilisierte Gesellschaft überzeugt davon, dass Menschen ohne permanenten Fleischverzehr nicht überlebensfähig sind. Der gesellschaftliche Wert von Obst oder Gemüse ist hingegen an einem Tiefpunkt angelangt, an dem sogar das Werbefernsehen besorgten Eltern sagen kann, dass ihre Kinder niemals Gemüse essen werden, weil es schlichtweg grauenhaft schmeckt. Grünpflanzen, einst wertvolle Produkte, wurden zur Beilage, zu minderwertigem Abfall.

Essen Sie Hirn? Wie schmeckt Ihnen fetter Schweinebauch? Haben Sie schon Kuttelsuppe probiert und wie würden Sie ein Zwerchfell zubereiten? Wie viele Teile rund um das Filet, dass Ihnen so schmeckt, finden Sie „so lala“? Haben Sie gewusst, dass etwa 30 Prozent des essbaren Fleisches einer Kuh nicht gegessen werden, weil wir Esser sie angeblich nicht mögen? Der größte Fleischhauereibetrieb der österreichischen Bundeshauptstadt Wien muss massiv Schnitzelfleisch (Schwein) und Filet (Rind) aus niederländischen Mastbetrieben zukaufen, um der Nachfrage entsprechen zu können. Einen Großteil des in Wien produzierten Schlachtfleisches muss diese Firma in Würste verarbeiten. Die oben angeführten 30 Prozent sind Abfall. Sie werden entsorgt. Sie werden vernichtet. Sie werden von alltagskulturellen Strömungen, von Meinungen, von Medien, von KochbuchautorInnen und von GastronomInnen zum Minderwertigen, zum Müll degradiert. Die Wiener KonsumentInnen „verlangen“ in Folge der Lebenskultur offenbar nach Neuzüchtungen, nach Kühen, die nur noch aus Rücken und Schweinen, die nur noch aus Ärschen bestehen.

Wie viele Esswaren Ihres täglichen Bedarfs würden Sie als Industriedesign bezeichnen? Woher stammt die Teigmischung Ihres täglichen Brotes? Wie viele Konserven und Pastasorten lagern in Ihrem Vorratsschrank? Welche Fertiggerichte frieren in Ihrem Tiefkühlfach? Sie kaufen, bearbeiten und essen Industriedesign. Sie verleiben sich Industriedesign ein. Industriedesign ist ein Teil von Ihnen.

 

Der Lebensmittelmarkt Europas funktioniert nach sehr zentralistischen Prinzipien. Immer gleiche Distributionsstellen namens Supermarkt bieten an unzähligen Standorten in jeder Region zu jeder Uhrzeit jedes Tages, zu jeder Jahreszeit eine (fast) idente Palette an Waren an. Diese (essbaren) Produkte werden täglich von Zentrallagern in die einzelnen Supermärkte geliefert. Sie sind immer gleich. Sie sind industrialisiert. Das Prinzip des Sortimentsupermarktes verlangt definitiv nach rationalisierten Massenproduktionen und logistischen Lösungen zur Belieferung aus allen Regionen der Welt.

Das Supermarktsystem hat es sich selbst zur Aufgabe gemacht bis zur Sperrstunde prall gefüllte Regale vorzuweisen. Was nach der Schließung übrig bleibt, wird weggeschmissen. Das derzeitige System erlaubt saisonale, ökologische, faire, biodiverse, gesunde Produkte nur in sehr eingeschränktem Ausmaß.

BiobäuerInnen sind zu klein für Rewe, TESCO oder COOP. Sortenvielfalt verlangt nach saisonalem und lokalem Verkauf. Sortenvielfalt verlangt nach saisonalem und lokalem Verkauf. Et cetera. Diese Problemstellung kann und muss von Designern, Köchen und Herstellern zum Thema gemacht werden. Auf die Frage „Warum sieht Essen so aus wie es aussieht?” folgt die Frage „Wie könnte Essen aussehen?“ Postindustrielles Food Design ist ein Gebot der Stunde. DesignerInnen, Produzentinnen, Händler, Politik und KonsumentInnen haben zu diskutieren, ob kreative Lösungen das derzeitige Industrieprodukt Nahrungsmittel neu definieren können. Der essbare Müllberg kann nur verringert werden, wenn zentralisierte Produktions-, Lager- und Handelsstrukturen neuen Technologien und Ideen weichen. Andernfalls bleibt nichts anderes übrig, als die gängigen Moralvorstellungen der westlichen Gesellschaften gänzlich zu revolutionieren.