sonja stummerer & martin hablesreiter
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  • fleischteile, fooddesign, sustainablefooddesign

fleischTEILE / in Kooperation mit Alexander Diem

Schätzen Sie ein gutes Steak? Essen Sie gerne Schnitzel? Haben Sie gewusst, dass etwa 30 Prozent des essbaren Fleisches eines Rinds oder Schweins nicht gegessen werden, weil wir Esser sie angeblich nicht mögen? Ein kleines Bißchen Ekel genügt, um essbares Fleisch (keine Innereien!) in Müll zu verwandeln. 30 Prozent jedes Schlachtieres (Innereien nicht mitgerechnet) werden weggeworfen.

Der größte Fleischhauereibetrieb Wiens muss massiv Schnitzelfleisch (Schwein) und Filet (Rind) aus niederländischen Mastbetrieben zukaufen, um der Nachfrage entsprechen zu können. Einen Großteil des in Wien produzierten Schlachtfleisches muss in Würste verarbeitet werden. Die oben angeführten 30 Prozent sind Abfall. Sie werden entsorgt. Sie werden vernichtet. Sie werden von alltagskulturellen Strömungen, von Meinungen, von Medien, von KochbuchautorInnen und von GastronomInnen zum Minderwertigen, zum Müll degradiert. Die Wiener KonsumentInnen „verlangen“ in Folge der Lebenskultur offenbar nach Neuzüchtungen, nach Kühen, die nur noch aus Rücken und Schweinen, die nur noch aus Ärschen bestehen.

fleischTEILE ist eine Idee gegen das Wegschmeissen von Nahrung. fleischTEILE ist eine Kooperative gegen den Steakwahnsinn. fleischTEILE ist eine Symbiose aus Biolandwirtschaft, Einhaltung von Tierrechten und digitaler Technologie.

Zwei Haushalte schließen sich zusammen und kaufen gemeinsam ein Schlachttier. Die Idee ist nicht neu, aber bei fleischTEILE brauchen wir keine Tiefkühltruhe mehr. Jede TeilnehmerIn schließt einen Kaufvertrag für eine halbe Kuh oder ein halbes Schwein ab. Sie verpflichtet sich, die gesamte Hälfte im Laufe einer bestimmten Zeit zu kaufen, zu verkochen, zu essen. Das Tier ist imaginär. Es existiert in einem Computerprogramm. Bei Lust auf Fleisch sucht die TeilnehmerIn online aus ihrem halben Tier ein Stück aus und bestellt es damit beim kooperierenden Fleischhauerbetrieb. 2 Tage später ist das Stück zur Abholung bereit. Vom Zwerchfell bis zum Hirn, von Grammeln bis Blut wird jedes verzehrbare Stück als Nahrung verwertet. Danach existiert dieses Teil für die KonsumentIn nicht mehr. Der Ankauf eines weiteren Tieres ist erst nach dem aufgegessenen Ersten möglich.

Der teilnehmende Fleischer verpflichtet sich, ausschließlich lokales Biofleisch allerhöchster Qualität zu verwenden. Der Betrieb muss nichts mehr wegschmeissen und verkauft mit Sicherheit ein ganzes Tier.

Machbarkeit | Die InitiatorInnen von fleischTEILE sucht eine kritische Anzahl an Mitgliedern. Sind etwa 100 InteressentInnen gefunden und deren Absichtserklärungen unterzeichnet, geht die Plattform online. Ab diesem Zeitpunkt sind 50 Tiere für einen Zeitraum von zum Beispiel einem Jahr verkauft. Die TeilnehmerInnen kaufen im Laufe dieser 12 Monate sukzessive ihr Tier auf. Die InitiatorInnen entwickeln die Software, stellen sie zur Verfügung und legen die Richtlinien mit dem kooperierenden Fleischhauer fest. Weiters arbeiten sie mit verschiedenen KöchInnen zusammen, um Rezepturen für fleischTEILE online zu stellen. In Österreich arbeiten genügend interessierte Kochkünstler wie zum Beispiel Christian Petz, Johannes Reisinger, Josef Floh, Jürgen Wolf oderHeinz Reitbauer, die vermutlich gerne an einem derartigen Projekt mitarbeiten.

©Alexander Diem, Martin Hablesreiter & Sonja Stummerer; Wien, 03. Mai 2015